Die Amigne - eine Walliserin mit Geschichte

Entdecken

Die Amigne - eine Walliserin mit Geschichte

Die Amigne ist eine für das Wallis urtypische Rebsorte. Amigne-Weine sind bekannt für ihre ausgezeichnete Lagerfähigkeit und ihren einzigartigen Ausdruck.

Sie ist eine waschechte Walliserin. In diesem Kanton gedeihen ihre Rebstöcke schon seit der Römerzeit oder gar länger, wobei die erste schriftliche Erwähnung aus dem Jahr 1686 stammt, als sie zwischen Sion und Siders, nahe Vétroz, wo sie heute ihr bevorzugtes Terroir findet, angebaut wurde. 

© Olivier Maire

Derzeit könnte man nicht sagen, dass die Rebsorte Amigne die Welt erobert hätte. Schätzungen zufolge beläuft sich die Rebfläche insgesamt auf 38 Hektar: 70%davon finden sich in Vétroz, der Rest … ebenfalls auf Schweizer Gebiet!

(Bezüglich des Ursprungs der Amigne gab es in der Vergangenheit zahlreiche Diskussionen. Manche Weinhistoriker deuten darauf hin, dass die Amigne durch die Römer ins Wallis gelangt sein könnte und verweisen dabei auf eine ähnliche Rebsortenbezeichnung, nämlich «Aminea», in den Schriften von Plinius dem Älteren, Cato dem Älteren und Columella. Doch obwohl die Annahme der römischen Wurzeln weit verbreitet ist, existieren keinerlei botanische Nachweise für einen direkten Zusammenhang zwischen der antiken «Aminea» und der heutigen Amigne. Naheliegender ist die Vermutung, dass der Name vom lateinischen Wort *amoenus* abgeleitet wurde, was so viel heisst wie «köstlich» bzw. «angenehm», was den Charakter der Weine dieser Rebsorte sehr gut beschreibt.)

Weincharakteristik und Produktionsstile

Die Amigne ist eine im Allgemeinen ertragsstarke Rebsorte. Leider ist sie während der Blüte auch sehr anfällig für Verrieseln und Kleinbeerigkeit, weshalb die Reben systematisch auf natürliche Weise auf rund 1kg je m2 begrenzt werden.

Aufgrund dieser Phänomene bilden sich nämlich sehr lose oder unregelmässig gereifte Trauben, was wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Ernteerträge hat. Diese Rebsorte ist spät austreibend und reifend. Deshalb eignet sie sich auch besonders gut für den Anbau unter den in Vétroz herrschenden Klimaverhältnissen, wo die herbstlichen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht eine wichtige Rolle für die Entfaltung der Aromatik spielen.

Der Amigne in all seinen Facetten

Ich erinnere mich an einen schlichtweg prächtigen Amigne, den der Provins-Kellermeister Damien Carruzzo letztes Jahr im Rahmen einer gemeinsamen Degustation mitgebracht hatte. Die Flasche aus dem Jahr 1964 wurde zum Anlass des 60. Geburtstags eines ebenfalls anwesenden Freundes geöffnet und stammte aus dem historischen Bestand der Kellerei. 

Es fiel mir schwer, die passenden Worte zur Beschreibung des elektrisierenden Gefühls zu finden, das dieser Wein in mir auslöste.

Trotz einer zweifellos auf das Alter zurückzuführenden Trockenheit, die man wahrgenommen hat, wies der Wein bestimmt einen Restzuckergehalt von um die zehn Gramm oder auch etwas mehr auf. In Abhängigkeit von der Nachsaison und dem Erntezeitpunkt kann der Stil zwischen trocken und lieblich oder gar likörartig variieren.

Um dem Konsumenten einen Anhaltspunkt hinsichtlich der jeweiligen Restzuckerkonzentration zu geben, wurde 2006 ein Einstufungssystem eingeführt.

Auf dem Etikett werden entweder 1, 2 oder 3 Bienen angezeigt. Hier ist der Schlüssel zum System, der auf den Restzucker in Gramm je Liter verweist:

🐝 Ein Amigne mit nur einer Biene ist trocken (0-8).
🐝🐝 Zwei Bienen bezeichnen einen lieblichen bzw. halbtrockenen Wein (9-25).
🐝🐝🐝 Und drei Bienen sind süssen bis likörartigen Weinen vorbehalten (>25). Mit der Ernte der Trauben kann zuweilen auch bis Anfang Januar zugewartet werden.

Auf dem Etikett kann ausser den Bienen noch der Zusatz «Grain Noble - Confinden’ciel» vermerkt sein. Dies bedeutet, dass die Trauben am Rebstock auf natürliche Art zu ihre Überreife gelangt sind und der Wein in Fässern ausgebaut wurde.

Stil und Formensprache

Unter den trockenen Amigne-Weinen oder auch jenen mit 2 Bienen kann es besonders geformte Flaschen geben, die Sie überraschen könnten.

Sie entstammen der Vereinigung «Vétroz Grand Cru». Hier unterliegt die Produktion der als absolut authentische Erzeugnisse des betreffenden Terrois angesehenen Weine einem speziellen Anforderungskatalog.

Hänge von Gletschermoränen und schieferhaltiger Bruchstein sind das Milieu, in dem sich diese zugleich plastische und anspruchsvolle Rebsorte ganz besonders wohl fühlt. 

Erreicht man die Ebene der höchsten Konzentration, also jene mit 3 Bienen, betritt man die Welt der grossen überreifen Weine, auf die man im Wallis besonders stolz ist. Aufgrund der Dicke der Haut kann man den Saft der Beeren auch hervorragend verdunsten und diese dadurch schrumpfen lassen, während sich die Edelfäulnis (Botrytis) als schwieriger erweist!

Die Überreifung am Rebstock profitiert von den winterlichen Temperaturschwankungen, denn diese fördern die natürliche Zuckerkonzentration in den Trauben. Im Rhythmus von Tag und Nacht frieren und tauen die Traubenschalen immer wieder und beginnen sich zu lockern. Das ist der Zeitpunkt für die Ernte.

Die Arbeit ist akribisch, sie erfordert Geduld und die Produktion ist äusserst kostenintensiv. Aufgrund der winterlichen Kälte gibt es kaum natürliche Nahrung und die Vögel sehen die Trauben mit besonders hohem Zuckergehalt als Geschenk des Himmels. Die Netze sind dabei als Schutz nicht immer ausreichend! 

Jenseits von Bienen & Co ... gebührende Wertschätzung für reichhaltige Traubenschalen

Einige Produzenten haben beschlossen, dieses Potenzial auszuschöpfen, indem man den Amigne wie einen Rotwein vinifiziert. Dabei entstehen bernsteinfarbene, bei Weinliebhabern weltweit begehrte Tropfen. Vielleicht mag es Sie überraschen, aber die Walliser Amigne-Weine (in der Flasche) boomen gerade und die Familie Papilloud von der Cave du Vieux Moulin bestätigt diesen Trend.

Andere kreative Winzerinnen und Winzer setzen auf den Ausbau in Amphoren - ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist der Amigne trocken Grand Cru der Weinkellerei Jean-René Germanier - oder im Fass, wodurch die Zitrusnoten zusätzliche Komplexität entfalten, die Textur ummantelt und der Abgang anhaltender wird.

Bezüglich des Fassausbaus ist anzumerken, dass sich in bestimmten Kellern und wenn die Fässer nicht richtig aufgefüllt werden, ein Schleier bilden kann. In der Kellerei Cave des Tilleuls treffen wir auf einen einzigartigen gelben Amigne!

Kombination von Weinen und Speisen

Das Profil eines reifen Amigne punktet mit goldenem Farbton und Noten von Orangenschale und Mandarine. Im Mund spürt man eine aufregende Säure, die sich perfekt mit den Tanninen ergänzt. Heraus kommt eine angenehme Harmonie aus Frische und Opulenz.

Dank der umfassenden Palette an vorab erläuterten Konzentrationen und der Lagerfähigkeit dieses Weins können Sie bei Tisch Ihre Kreativität wirklich ausleben.

Die trockene Version passt sehr gut zu gegrilltem Fisch, Schalentieren oder gebratenem Geflügel. Die Säure des Amigne rundet alle Speisen mit feinem Geschmack und nicht zu fester Konsistenz besonders gut ab. Und da der Abgang Lust auf mehr macht, greift man gerne zu einem zweiten Glas.

Reichhaltigere, mit zwei oder drei Bienen gekennzeichnete Weine trinkt man vorzugsweise zu raffinierteren oder exotischen Gerichten.

Der Amigne passt auch zu halbhartem Käse, wie dem Walliser Raclette, oder jenen mit gewaschener Rinde, wie dem Vacherin Mont-d'Or.

Ausserdem ist er ein hervorragender Begleiter zu Fruchtdesserts, wie etwa Zitrusfrüchtekuchen. Das Zusammenspiel der Süsse und Säure der Weine verfeinert die Speisen und verleiht ihnen darüber hinaus auch eine zusätzliche Geschmacksdimension.

© Florian Bouvet-Fournier

Was die Lagerfähigkeit betrifft, so erweisen sich die süssen Varianten als besonders dankbar für diese Art der Zuwendung. Im Alter von 20-30 Jahren sind diese Weine optimale Begleiter komplexerer Speisen, darunter Foie Gras oder Fleischterrinen, schmecken aber auch toll zu Wildgeflügel oder pur in besinnlichen Momenten.

Nutzen Sie die offenen Weinkeller des Wallis vom 14. bis 16. Mai, oder die jährlichen Treffen der renommierten Schweizer Mémoire-Weingüter. Ein Besuch wird Ihre Weinauswahl bestimmt positiv beeinflussen und verspricht garantiert wunderbare Begegnungen mit anderen Weinenthusiasten!

Zum Wohl! 

Einträge

Weiterlesen

Entdecken

Die Erzeugung von Weisswein

11 Dezember 2025 4 min

Ein Überblick über die Weisswein-Vinifikation im Wallis und die technischen Schritte, die Aroma, Farbe und Struktur prägen.

Weiterlesen

Entdecken

Die Wahl des passenden Weinkühlschranks

21 November 2025 4 min

Die Wahl eines Weinkühlschranks ist für Weinliebhaber wichtig, damit ihre wertvollen Flaschen unter idealen Bedingungen gelagert werden können.

Weiterlesen

Entdecken

Wie macht man Schaumwein?

11 November 2025 3 min

Der Begriff Schaumwein steht für Feierlichkeit und prickelnden Genuss. Ob als Begleiter zu besonderen Anlässen oder einfach nur als Stimmungsmacher beim Apéro im Freundeskreis, er sorgt stets für eine festliche Note.

Weiterlesen

Ihr Degustationsprofil

Haben Sie manchmal Mühe, Ihr Geschmack und Ihre Vorlieben in Sachen Wein in Worte zu fassen. Mit diesem Tool werdet ihr ein ganz persönliches Degustationsprofil erstellen und den passenden Walliser Wein wählen.

Aprikose, Zitrus-, exotische Früchte, rote Beeren, Mandeln usw.Fruchtig

Veilchen, Holunder, Linde, Rose usw.Floral

geringer Alkoholgehalt, wenig TannineLeicht

Mittelkräftig

Alkohol, Säure und intensive AromenKräftig

von Säure dominiert, die ihm ein frisches Aussehen verleihtLebendig

Mässig lebendig

ohne Säure, rund, weichZart

ohne RestzuckerTrocken

Mittelfüllig

weich, fleischigFüllig

Unsere Website nutzt Cookies, um Ihr Surferlebnis zu verbessern. Wenn Sie diese Seite weiterhin nutzen, stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies gemäss unserer Datenschutzrichtlinie zu.